Raja Casablanca – FAR Rabat (Spielbericht)

Schon länger wollte ich mal wieder zurück nach Marokko, denn seit meinem letzten Besuch hat sich dort nochmal einiges getan. Gerade die Fanszenen der beiden großen Hafenstadtclubs Raja und Wydad Casablanca genießen einen guten Ruf – bedienen sich französischen, italienischen und südamerikanischen Stilelementen und Liedern, gelten als sehr emotional und enthusiastisch. Wenn man dann also die Chance bekommt für unter 50 Euro dort hin zu fliegen, dann nimmt man sie auch wahr.

Sage und schreibe 6 Mitstreiter konnte ich innerhalb von kurzer Zeit gewinnen. Doch was uns wirklich in Afrika erwarten sollte, das konnten wir noch nicht ahnen. Zunächst ging es ganz harmlos los, Spieltage wurden verschoben und getauscht, so dass von den zunächst zwei möglichen Spielen in unserem Zielort Fès nur noch eines übrig blieb. Stattdessen wurde von uns dann eine Fahrt ins nahe Rabat und nach Casablanca in Augenschein genommen und quasi abgesegnet. Doch dann, etwa 4 Wochen vor dem Flug entschied man sich, eine Winterpause einzuführen – diese sollte zwei Wochen dauern und ja … genau … ausgerechnet auf das eine Wochenende fallen wo wir da sind. Zum Glück sollte es jedenfalls nur für die 1. und nicht die 2. Liga gelten.

2 Wochen vor dem Flug kam dann der marokkanische Verband FRMF auf die grandiose Idee einen SuperCup einzuführen, in dem der Meister Raja gegen Cupsieger FAR Rabat spielen sollte – ausgerechnet in Casablanca! PERFEKT! Ein Pokalfinale wenn wir da sind. Naja die Freude währte nicht lang, denn schon 1 ½ Wochen vor dem Spiel machte auf Fanseiten die Runde, dass die Vereine einen Anruf vom Verband bekommen hätten in dem die Absage des Spiels bekundet worden wäre. Auf den Vereinsseiten und vor allem auf der des Verbandes jedoch nichts darüber (auf letzterer übrigens bis heute nicht). Sage und schreibe 5 Tage vor dem Spiel dann die endgültige und offizielle Absage. Das alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht, um dem SuperCup den würdigen Rahmen zu verpassen, alle Zweitliga Spiele an dem Wochenende abgesagt worden wären.

Naja im Endeffekt erbarmten sich dann beide Vereine noch und ein Freundschaftsspiel wurde ins Leben gerufen als Ausgleich für das Pokalspiel. Also: 2.200km geflogen für ein Freundschaftspiel. Was will man mehr?

Aber erstens wird es anders und zweitens als man denkt! Aber mal der Reihe nach, die Landung in der Millionenstadt Fèz verlief recht ereignislos, wenngleich es sich bei knapp 20 Grad und dem Anblick von Palmen schon weit besser lebt als bei dem Schnee hier vor meinem Fester. Am nächsten Tag ging es dann direkt weiter in die Metropole Casablanca am Atlantik, die mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern nicht nur durch den gleichnamigen Film sondern auch durch das englisch-amerikanische Gipfeltreffen zwischen Churchill und Roosevelt im Jahr 1943 bekannt sein dürfte. Knapp 9 Euro kostete die 350 Kilometer lange Reise im modernen Zug quer durch das Land. Bereits bei der Einfahrt in einen der fünf Bahnhöfe von Casablanca konnte man überall die zahlreichen (teils sehr schönen) Graffitis der örtlichen Ultragruppen erspähen. Für den Samstag hatten wir Glück und konnten kurzfristig noch eine Drittliga Partie von OSC Casablanca, welcher am äußersten Stadtrand spielt auftun. Klimax einer ansonsten jedoch höhepunktlosen Begegnung vor etwa 100 Zuschauern war der Weg zum Spiel selbst. Da sich der Verein erst vor kurzem unbenannt hat konnte niemand so wirklich etwas damit anfangen und wir wurden quer durch die Gegend geschickt und erreichten das kleine Stadion erst als wir die Hoffnung quasi schon aufgegeben hatten. Dafür sahen wir ein Spiel auf ungefähr F-Jugend Niveau mit vielen Lachern und Kuriositäten, da der Eintritt zumal kostenneutral für alle Zuschauer war, kann man durchaus von einem gelungenen Länderpunkt für 6/7tel der Reisegruppe sprechen. Auf dem Rückweg wurden wir dann leider von einem bösen Regenschauer überrascht, aber lieber 22 Grad und Regen als -5 Grad und Schnee.

Der Abend wurde dann auf dem Markt verbracht, unglaublich was es hier für ein Gedränge gab, wie viele Läden und was für ein Geschrei. Gefälschte Adidas, Puma, Burberry, oder andere Designerklamotten zu Spottpreisen. Trikots aus aller Welt, Markenschuhe und Essen von dem man teilweise nur raten konnte was es sein könnte. Eine Unmenge an Einflüssen und Bildern prasselte auf einen ein, so dass wir am späten Abend total geplättet in unsere – mit knapp 6 Euro teuersten Betten der Fahrt – fielen.

Der nächste Morgen wurde eingeleitet mit einem Besuch an der nahe gelegenen Moschee Hassan II., welche die weltweit sechstgrößte ihrer Art ist. Auch wenn ich mit Religion an sich nichts anfangen kann, so muss ich sagen, dass mir dieser Baustil von Gotteshäusern sehr viel besser gefällt als unsere heimischen Kirchen. Mit Zug und Taxi ging es dann raus in die Vororte, wo unter anderem der unterklassige Verein Racing Casablanca beheimatet ist, dessen Stadion heute Austragungsort für das besagte Testspiel sein sollte. Ohne Erwartungen waren wir gekommen und wurden prompt positiv überrascht: Überall rund um das Stadion drängelten sich Menschen und auch die Polizei war mit einem größeren Aufgebot angerückt – rechnete somit mit einigen Zuschauern. Am Ende waren es dann knapp 250 Beamte im Einsatz, total krank wenn man bedenkt, dass es sich um ein Freundschaftsspiel handelt und (leider) keine Gäste aus der 100km entfernten Hauptstadt angereist waren. Wie wir später jedoch erfahren durften ist dies absolut keine Seltenheit, die Staatsmacht herrscht hier sehr rigoros und greift hart durch, so drohen beim Abbrennen von Pyrotechnik beispielsweise 6 Monate Gefängnis, was auch der Grund ist wieso man selten mal einzelne Fackeln brennen sieht sondern wenn dann gleich große Pyroshows wo man hofft, dass gegen eine größere Menge Täter nicht so leicht vorgegangen werden würde.

Schon vor dem Eingang des 10.000 Zuschauer fassenden Stadions deckten wir uns fleißig mit Fanartikeln ein, was bei Preisen von etwa 45 Eurocent für einen Schal oder eine Mütze keine all zu großen Löcher in unser Budget schlug. Eine Einlasskontrolle fand, wenn man vom Kartenabreissen absieht, nicht statt. Auch unsere großen Reiserucksäcke fanden nicht im Geringsten das Interesse der Behelmten. Im Stadioninneren ging der Shoppingrausch dann unvermindert weiter und so wurden CDs und weitere Schals in den sympathischen Vereinsfarben Grün und Weiß erbeutet. Was dann aber passierte war bisher auch etwas Einzigartiges für mich: Da wir als Europäer eh schon auffielen und mit den Rucksäcken natürlich aussahen wie bunte Hunde, wurden wir schnell von den Leuten auf der Tribüne entdeckt. Als Reaktion darauf stand plötzlich fast die komplette Gerade auf und fing an für uns zu singen und zu hüpfen – man freute sich schlicht einen Ast ab, dass 7 Besucher von weit her gekommen waren um sich dieses Freundschaftsspiel anzusehen, ein tolles Gefühl. Da wir das Treiben jedoch gerne beobachten wollten, zogen wir uns auf die kleinere Hintertortribüne zurück, von wo wir einen guten Blick auf die Supporter hatten. Die folgenden 90 Minuten gehören zu dem witzigsten und interessantesten, was ich bisher beim Fußball sehen konnte. Nicht nur, dass die Stimmung für ein Testspiel außerordentlich gut war und fast das ganze Spiel über gesungen wurde, teils auch das ganze Stadion am Hüpfen und singen war, nein irgendwo gab es immer wieder irgend etwas zu beobachten, keine zwei Minuten ohne dass nicht irgendwas passiert wäre. Pausenlos kletterten irgendwelche Jugendlichen über die Mauern um die 1,80 Euro Eintritt zu sparen, dann gab es kleinere (und eine große) Schlägerei untereinander. Bei letzterer in der zweiten Halbzeit gerieten gut 400 Leute in Bewegung ehe die Polizei das Geschehen mit Schlagstöcken auseinandertreiben konnte. Die Staatsmacht war auch sogleich ein anderer Aktivposten im kuriosen Geschehen hier und heute. Wenn jemand bei uns meint ein „ACAB“ sei gerechtfertigt, der sollte sich mal anschauen was in Marokko so abgeht. Völlig unnötige Schläge in die Gesichter von Kindern, deren einziges Vergehen es war auf eine andere Tribüne gehen zu wollen, total aggressives und vor allem willkürliches Verhalten in der Auswahl der Mittel. „Wenn wir zurückschlagen, schlagen sie doppelt so hart erneut“ erklärte uns einer der Ultras neben uns. Bei diesem Spiel wurde von den Ultras offiziell nicht supportet, weswegen auch keine Fahnen oder so hingen. Das bezog sich jedoch hauptsächlich auf den älteren Teil der insgesamt drei Gruppen bei Raja, die jüngeren (meist zwischen 12 und 18 Jahren) standen auf der Gegengeraden und trommelten und sangen mal mehr, mal etwas weniger fleißig. Uns egal, denn so gab sich die Gelegenheit ins Gespräch mit den älteren zu suchen, was sich als sehr interessant herausstellte. So gab es so manchen Einblick in die Fanszene und ihre Entstehungsgeschichte, aber auch einen Exkurs wieso der heutige Gast mehr verhasst ist als der Konkurrent aus der eigenen Stadt. FAR gilt als Verein des Regimes, während Raja sich traditionell als der Verein der Widerständler (ursprünglich gegen die Französische Besatzung) sieht. Trainer und Präsident von Rabat sind so auch tatsächlich hohe Militärangehörige, die anderen Vereine sehen FAR vom Staat bevorzugt und somit als besonders hassenswert. Zum Dank für die netten Gespräche überreichten wir den Jungs (im Übrigen lag die Männerquote im Stadion bei ungefähr 99,9% – Männersport und so …) einen Stapel Preußenaufkleber, was zugleich zu fast tumultartigen Zuständen führte.

Dass die Emotionen auch auf das Spielfeld überkochen sieht man direkt nach dem Halbzeitpfiff. In dem Moment wo der Unparteiische in die Tröte bläst, rutscht ein grün-weißer noch in den Gegner rein und bringt ihn zu Fall, welcher sofort aufspringt und seine Faust im Gesicht des Übeltäters versenkt, was natürlich einen roten Karton zur Belohnung nach sich zieht.

Das aber eindeutig kurioseste an diesem Nachmittag geschah in der Halbzeitpause: Hunderte Zuschauer rannten von den schönen alten Tribünen, um sich auf den Grasflächen links und rechts davon nieder zu lassen und auf ihren mitgebrachten Teppichen oder auch nur Pappen hockend zu beten. Ein unglaublich unwirkliches Bild, wie Leute die keine Minute zuvor beim Platzverweis gegen den Gästespiele fluchend und tobend über die Ränge gesprungen sind binnen Sekunden schweigend und tief in sich gekehrt da saßen und beteten. Aber apropos Zuschauer: Als das Spiel angepfiffen wurde verirrten sich vielleicht 2.000 Zuschauer hier, während gerade der ersten 20 Minuten hielt der Zustrom jedoch unvermittelt an, so dass zur Halbzeit mit Sicherheit schon über 4.000 Fans da waren, unterstützt von einigend Dutzend auf den anliegenden Häuserdächern die von dort oben zusahen. Da auch Leute die von der Polizei beim Übersteigen der Mauern entdeckt und gepackt wurden nach einer kurzen Standpauke zu den anderen auf die Ränge durften füllte sich das Stadion mehr und mehr. Der jedoch größte Zustrom kam etwa zur 60. Minute, als am Eingang die Sperren abgebaut wurden und mindestens noch einmal 6-700 Leute rein rannten die sich den Eintritt von unter 2 Euro nicht leisten konnten oder wollten. Ein Wahnsinnsbild wie dieser Mob ins daraufhin tobende Stadion stürmte. Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf (so denn sie überhaupt saßen) und begrüßten die Neuankömmlinge mit Gesängen – fast 6.000 Rajafans dürften nun da gewesen sein, für ein Testspiel eine wirklich gute Zahl und auch unser Lieblingslied wurde nun noch lauter intoniert. Sinngemäß hieß es ungefähr so viel wie „Ihr wollt Ultras sein? Ihr habt euch alles bei uns abgeschaut und seid nicht viel mehr als ein Popel in unserer Nase“, was sich darauf bezieht, dass Raja der Verein in Marokko ist, der für sich beansprucht der erste mit einer Ultrasgruppe und –mentalität gewesen zu sein (Gründung der Ultras Eagles 2005) und die anderen es sich bei ihnen quasi nur abgeschaut hätten.

Dieses und andere Geschichten gab es dann für uns zu hören als wir auf Einladung der Ultras noch für eine Weile mit ihnen in einen nahe gelegenen Imbiss gingen und mit ihnen plauschten, sogar noch etwas Material von ihnen geschenkt bekamen und am Ende mit 8 Leuten in einem normalen PKW zum Bahnhof kutschiert wurden. Dies ermöglicht uns nicht nur eine eventuelle Teilnahme bei einer der nächsten Wetten dass … ??? Folgen sondern auch noch das Erreichen eines früheren Zuges als gedacht zurück in die Königsstadt Fèz.

Hier gab es dann am Abreisetag Montag auch noch einmal ein letztes großes Highlight in Form einer 4stündigen Besichtigung der Altstadt, die mit ihren etwa 6.300 kleinen Geschäften und über 12.000 Gassen von denen viele nicht breiter als ein Meter sind richtig viel zu bieten hatte. Erbaut im Jahr 859, sieht es dort heute noch genauso aus wie damals, der Besucher fühlt sich wie ins Mittelalter versetzt und wird eigentlich nur aus seinen Träumen geschreckt wenn man eine Elektrische Lampe oder einen Kühlschrank im Hinterzimmer der kleinen Geschäfte entdeckt. Wie in 1001 Nacht wandelten wir 240 Minuten lang durch ein Gewirr von Absonderlichkeiten und einzigartigen Erfahrungen, bekamen typisch einheimisches Essen vorgesetzt und gezeigt wie Leder, Teppiche und vieles mehr hier noch heute verarbeitet werden. Ein mehr als würdiger Abschluss einer tollen und spannenden Tour, die nach den ursprünglichen Spielverlegungen und –absetzungen als Reinfall zu drohen schien und als absolute Bereicherung und Lebenserfahrung endete. Noch vor dem Rückflug beschlossen wir, dass es für keinen von uns die letzte Reise in dieses Land gewesen sein soll.

Hier noch einmal die Bitte an euch: Ihr habt wie kaum eine Generation vor euch die Möglichkeiten zu reisen, also nutzt es und erobert die Welt. Vergeudet euren Urlaub nicht auf Mallorca sondern reist richtig, mit offenen Augen und riskiert vor allem auch mal hin zu reisen wo noch nicht 1.000 Freunde vor euch gewesen sind – ihr werdet belohnt werden mit tollen Erfahrungen und Geschichten, von denen ihr noch lange werdet erzählen können.

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