Palermo – Lazio (Spielbericht)

Nach 5 Stunden und 15 Minuten aus meinem 50-Euro-Bett aufgestanden und ab zum Bahnhof. So früh am Morgen war’s schön leer auf den Straßen und man konnte nun sogar einigermaßen gefahrlos über grüne Ampeln gehen. Supi!

Man höre und staune: Die Zugfahrt ging absolut glatt und mit nur 2 Minuten Verspätung kam ich wieder in Palermo an. Die Zeit wollte ich natürlich nutzen um mir heute eine günstigere Bleibe zu suchen. Das Unterfangen wurde dann aber nach fast 2 Stunden suchen erschöpft aufgegeben. Lieber nochmal 50 Euro zahlen als den Rucksack noch einen Meter weiter durch 35 Grad Hitz zu schleppen. Der Portier ging dann auch von 58 auf 50 Euro runter als er hörte, dass ich nur für ein Spiel „seiner“ rosa-schwarzen gekommen sei.

Nach einem kurzen Gang zum Meer ging es dann auch schon per Bus (diesmal recht zügig) zum Stadion. Nachdem man wahren Kolonnen von Mofafahrern in letzter Sekunde vom Lenker gesprungen war ging es erstmal ans Karten-organisieren. Bei dem Gegner war natürlich längst „sold out“ gemeldet. Lief dennoch alles recht problemlos und so konnte als erstes die Curva Nord geentert werden zwecks Kauf von Erinnerungsstücken. Aber wie zuvor schon in Catania die Enttäuschung: Kein öffentlicher Verkauf von Schals etc. der Ultragruppen. Also flugs nen Ordner angelabert der 2 Typen ranwinkte. Die beiden stellten sich 10 Minuten lang mit mir vor den Eingang und warteten auf einen mit Brigate-Schal. Mit einem Mischmasch aus Deutsch, Italienisch und Englisch wurde die Zeit über palavert und den beiden klar gemacht, dass ich nicht aus Francoforte käme. Als dann endlich ein potentielles Opfer kam nahmen die beiden ihm einfach den Schal ab, drücken ihn mir in die Hand und freuten sich darüber, dass ich mich freute. Auch der um den Schal Erleichterte schien keine Probleme damit zu haben. Lustiges Volk. Ebenso witzig waren die Kamikatzeaktionen derer, die keine Karten bekommen hatten. In 5er oder 6er Gruppen wurden die am Eingang stehenden Ordner und Cops attackiert. Jeweils 2-3 wurden festgenommen, der Rest kam durch. Und das Schauspiel wiederholte sich pausenlos. Worüber ich nur lachen konnte verwunderte meine beiden Begleiter nicht im Geringsten. Andere Mentalität halt.

Ich verabschiedete mich und trat den Gang ins Stadion an. Von einem Ordner direkt aufs Feld geleitet beschloss ich dort das Spiel zu verfolgen. Just in dem Moment kamen im Gästeblock die mitgereisten Laziali an. Knapp 200 Irriducibili und Gefolge dürften es gewesen sein. Das Stadion war schon recht gut gefüllt und plötzlich erhoben sich knapp 25.000 und schmetterten dem Hauptsstadtmob ein „ZECKEN! ZECKEN!“ entgegen. Wer die politische Einstellung der Gäste kennt weiß, dass es pure Satire war. Auf jedenfall sehr lustig.

Prompt kamen auch „Führer! Führer!“ Rufe zurück, nur um kurz darauf die italienische Nationalhymne zu intonieren.

Bis Spielbeginn sahen sich die Laziali dann so manchen Angriffen vom Oberrang ausgesetzt. Ihr Block liegt im Unterrang, ganz in der Ecke und so flogen von der Seite sowie von oben massig Gegenstände. Das Meiste konnten die Fangnetze jedoch aufhalten, die blau-weissen zogen sich dennoch lieber unter die Überdachung des Oberranges zurück.

Beim Einlaufen der Mannschaften dann ein unglaublicher Lärmpegel. Das ist es was ich eine „Fußballhölle“ nennen würde. „Forza Palermo ale“ aus über 40.000 Kehlen im mehr als ausverkauften „La Favorita“. Dazu zeigte die Curva Nord, in der neben der Brigate Rosa-Nero auch die Warrior Ultras und die Ultras Curva Nord stehen, eine tolle Choreo. Die Kurve war aufgeteilt in Gelb-Rote (die Farben Siziliens) und Rosa-Schwarze (die Farben des Clubs) Pappen, darüber in Stoffbahnen über die ganze Breite des Stadions geschrieben „UEFA CUP“ und in der Mitte eine Blockfahne auf der Sizilien zu sehen war. „La Sicilia in Europa …“ Den Rest des Transpis konnte ich leider nicht lesen. Dazu diverse Spruchbänder in Richtung der verhassten Hauptstädter, die darauf anspielten, dass dieses Jahr Palermo und nicht Lazio international vertreten sein würde.

In der Curva Sud hingegen wurde wild gezündet, Kassenrollen flogen und eine rosa-schwarze Blockfahne wurde gezeigt. Was ein geiler Beginn!!

Was die folgenden 90 Minuten Stimmungsmässig abging kann man getrost als einmalig bezeichnen. Das war das mit Abstand beste Spiel meines Lebens bis dato. 90 Minuten Vollgas von allen Tribünen und das trotz brennender Sonne und annähernd 40 Grad. Beim Vorbeigehen unter der Curva Nord winkten mir plötzlich 2 Typen auf der Brüstung zu. Beim genaueren Hinsehen stellte sich heraus, dass das die beiden waren, die mir zu meinem Schal verholfen hatten. Waren das doch glatt die Capi der Brigate gewesen. Kein Wunder, dass der Andere keine Anstalten gemacht hatte seinen Schal zu behalten.

Leider geht auch das tollste Spiel nach 90 Minuten vorbei. 6 Tore gesehen und eine unglaubliche Stimmung erlebt – das macht es einem nicht leichter nach Hause zu gehen. Zum Glück war ich da aber nicht der einzige, denn irgendwie machte keiner Anstalten das Stadion zu verlassen. Stattdessen wurden die Spieler, die das Wunder geschafft hatten als Aufsteiger direkt in den UEFA-Cup zu rücken gefeiert bis zum Umfallen. Besonderes Highlight dabei sicherlich als einer der Kicker seinen vielleicht 5 jährigen Sohn mit zum Mittelkreis nahm, ihm nen Ball an den Fuß legte und mit ihm aufs leere Tor zudribbelte. Ein Ohrenbetäubendes „oooohhhhhhhh!!“ hallte durchs Rund als der Filius anlief. Der Ball trudelte ins Netz und die Tifosi drehten am Rad als ob sie gerade die Meisterschaft gewonnen hätten! Die Zäune wurden gestürmt, Bengalen gezündet und gefeiert. Einfach nur Gänsehaut pur! Das dürfte der Kurze wohl nie wieder vergessen.

Irgendwann war dann aber leider doch Ende im Gelände und das Volk pilgerte aus den Toren. Wegen der Hitze entschied ich mich gegen den Bus und lief die knapp 5 km zum Hotel lieber an der frischen Luft. Unterwegs an jedem Platz, jeder Kreuzung kurz angehalten, denn überall waren sie am feiern. Die Ganze Stadt war ein rosa-schwarzes Fahnenmeer, Bengalen aus Autofenstern heraus, Fahnen und Transpis aus Häusern und Geschäften heraus. Und das, obwohl eigentlich schon seit mindestens 3 Wochen feststand, dass Palermo im UEFA-Cup ist. Selbst nachts um 11 fuhren die Wagenkolonnen noch hupend vor meinem Hotelfenster her.

Die Tour war zwar alles andere als billig – aber selten habe ich Geld so gut angelegt wie in diese 3 Tage.

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