CF Atlante – Club Leon (Spielbericht)

Tja da sitze ich nun. Am Hotelpool unter einer Palme und dem blauen Himmel vonYucatan. Es gibt sicherlich schlechtere Orte als diesen, um einen Spielbericht zu verfassen. Und trotzdem gefällt es mir so gar nicht, was ich nun in die Tasten hauen soll.
Dabei fing alles so schön an: Vom Strand direkt ins Stadion, einen Ablauf an den ich mich gut und gerne gewöhnen könnte – an weitere Fußballspiele made in Mexiko hingegen nicht.
Schnell ein Tshirt übergeworfen, denn hier ist ja aktuell Winter. Okay, Winter heisst hier 30 Grad in der Karibik aber das heisst auch: Sonnenuntergang um 17:30 Uhr. Club Atlante, so das Ziel des heutigen Sonntag Abends. Dank der Orientierung der Mexikaner an ihren nördlichen Nachbarn in vielen Lebensbereichen hat man hier schon vor Monaten den Spielplan mit genauen Anstosszeiten ausgeknobelt und veröffentlicht, was es mir erleichtert hat meine Tour zu planen. Leider orientiert sich der gemeine Mexikaner auch in anderen Belangen an den US Amerikanern und so zeigen spektakulär günstige Lebensmittel, welche vorzugsweise in Fett gebacken werden und billige Taxifahrten / Sprittpreise ihre Wirkung. Eine dieser Taxifahrten für gut 3 Euro führt mich nun auch zum Estadio Andres Quintana Roo zu Cancun. Hier spielt seit 2007 der CF Atlante. Ursprünglich wurde der Club 1916 in Mexiko Stadt (etwa 1.600 Kilometer weit weg) gegründet. Bereits 1927, damals in der Hauptstadtliga spielend, hatte man mit den „Los Prietitos“ eine aktive Anhängerschaft. Ziemlich beeindruckend, wenn man sich vorstellt, wie es zur gleichen Zeit in Deutschland aussah. Vielleicht hätte ich schon 1927 vorbei schauen sollen … Der Autor Carlos Calderon Cardoso schrieb in einer Chronik: „Eine der stimmungsvollsten Fangruppen waren die von Atlante; Große Palmhüte und gewaltige Schlaginstrumente charakterisierten die Hardcore-Szene von Atlante, eine der treuesten Fangruppen in der mexikanischen Fußballszene.“ Lassen wir das mal so stehen, viel positives werde ich hier heute sonst nicht mehr hinzufügen können. In den letzten Jahrzehnten jedoch wurde der Verein von seinen Vorständen systematisch herabgewirtschaftet. Seit 1989 tingelte der Club durch insgesamt 4 Städte und ebensoviele Bundesstaaten Mexikos. Immer wieder wurde die Lizenz verkauft, weitergereicht und damit auch die Mannschaft. Nun ist sie also in Yucatan gelandet (oder gestrandet) als einziger Erstligaverein dieses großen Bundesstaates. (vgl. google Seite 245) Fußballerisch spielt sich sonst fast alles in Mexiko Stadt und Umgebung ab, wenngleich der populärste Club des Landes, Chivas Guadalajara aus der bekannten Ballermannstadt an der US Grenze kommt.

Tja wie sollte man es bei solch einer Vorgeschichte anders erwarten? Gewachsene Fanstrukturen, eine Identifikation der Bevölkerung mit den eigenen Farben natürlich nicht gegeben. Quasi ein TSG Hoffenheim mit gutem Wetter und in Strandnähe. Fanartikelstände, die auch Utensilien des Gegners verkaufen und eine bunte Vermischung der Zuschauer auf dem Vorplatz, sowas habe ich nicht erst einmal gesehen. Am Ende dürfte es sogar gut 1/3 der vielleicht 9.000 Zuschauer den grün-weissen Gästen zugetan gewesen sein. Gerne würde ich an dieser Stelle jetzt ein paar schöne Worte für die Fans aus Guanajuato verlieren, immerhin sind sie fast 2.000 Kilometer weit angereist. Aber mehr als eine Sitzlawine der guten Laune verteilt über 3 Tribünen und vollkommen unorganisiert bleibt da nicht zu sagen. Vermutlich war es vielmehr so, dass viele Familien sich gedacht haben, man könne das Spiel doch wunderbar damit verbinden den Bergen zu entfliehen und ein wenig Strandurlaub einschieben.

Vielmehr möchte ich mich an dieser Stelle eigentlich dem ganzen Drumherum widmen, denn dieses war so furchtbar, dass es mir jetzt, fast 24 Stunden später, immer noch nicht aus dem Kopf will.
Willkommen im Konjunktiv, hier könnte alles so schön sein. Ein von aussen äußerst schmuckes Stadion steht da. Komplett unüberdacht, die beiden Hintertortribünen komplett Stehplätze, während in die Geraden lustige Muster in die Sitzreihen gebastelt wurden. Wer sich das ganze gerne mal bei google Maps anschauen will erkennt dann allerdings ein gutes Dutzend Firmenlogos von Sponsoren. Und das sollte den Weg vorzeigen für den nun folgenden Abend: Verkaufen, verkaufen, verkaufen! Und das von der ersten Minute an. An den Aufgängen warteten Verkäufer mit Tabletts und Notizblöcken bewaffnet. Sobald jemand rein kam wurde diesem bis zu seiner endgültigen Platzwahl nach geschlichen. Ehe das arme Opfer Zeit hatte zu schauen wie schön grün der Rasen war auch direkt die Frage „Coca? Agua? Whiskey?“ Ja Whiskey. Hier wird allen ernstes Whiskey im Stadion verkauft. Und Tequila. Und Wodka … und und und. In einem Land, in dem die Polizei mit auf Pick-Ups montierten Maschinengewehren und mit Stahlhelmen auf dem Kopf Patrouille fährt füllt man den geneigten Fußballfan mit Hart-Alc ab. Bei uns wird Sicherheit groß geschrieben – denn „Sicherheit“ ist ein Hauptwort. Dazu passt auch, dass die kleine Cola und das Bier in Glasflaschen daher kam. Und so durfte ich neben „WHISKEY! WODKA!“ auch noch andere schöne Rufe der Verkäufer (übrigends passend „Event Stuff“ genannt, damit hier ja keiner auf die Idee käme es ginge um Sport und nicht um ein Event) hören wie „PIIIZZAAA“. Tatsache, da liefen Jungs mit Pizza Warmhalteboxen durch die Ränge und versuchten ihre Teigwaren an den Mann oder die Frau zu bringen. Sehr erfolgreich möchte man betonen. Wenn ich es nicht anders gesehen hätte könnte man glauben es gibt in Mexiko nur beim Fußball alle zwei Wochen Essbares. Hier gabs aber noch viel mehr (und für jeden Mist einen eigenen „Event Stuff“er): Pommes, frittierte Hühnchen, frittierte Chilischoten, jegliche Art von Chips, Flipps, Popcorn, Nachos, Eis, Kuchen, bunte (extrem bunte!) Zuckerwatte, Taccos, Schokolade, Nüsse und sehr viel nicht-identifizierbares. Eine Auswahl, die ich mir vom Supermarkt gegenüber meinem Hotel gewünscht hätte. Natürlich alles in der XXL Familienpackung und mit Lieferservice bis zum Platz, damit man sich bei der Verdauung auch nicht noch irgendwie bewegen müsste. Grob geschätzt 250 !! Verkäufer waren die 90 Minuten im Einsatz, es hatte etwas von einem Ameisenbau und alle 30 Sekunden lief einem wieder jemand durchs Bild in dem Versuch einen weiter zu mästen. Jedenfalls wurde das diätorientierte Angebot strikt durchgezogen – wenn man eine große Cola bestellte, dann wurde der Rand des Pappbechers angefeuchtet und Kopfüber in Zucker gesteckt, so dass es einen leckeren Zuckerkranz ergab. Weil man ja konsequent sein will sogar wenn jemand Cola Light bestellte. Das Gefühl in einem Fresstempel gelandet zu sein wurde spätestens dann sicher, als der (seiner Körperfülle nach zu urteilen) Allesfahrer von Atlante wenige Reihen vor mir seinen Colabecher 2x zurück gehen liess weil zu wenig Zucker am Rand sei. Geht ja auch nicht.
Einen weiteren Freund hatte ich im Stadionsprecher gefunden. Ein Typ, den man für ein Vanilleeis vorn Bus schubsen würde. Jede noch so kleine Spielunterbrechung, sei es ein Abstoss, Freistoss, Einwurf oder eine Verletzung: Er wurde nicht müde sogleich mit der Lobpreisung eines ihrer Sponsoren zu beginnen. Aus vollem Halse und stehts mit „VAMO ATLANTE!“ endend. Sehr schöne Einzelleistung. Und das ca 15x pro Halbzeit.
Apropos Halbzeit. Bis zu eben jener hatte ich bisher gut 10 Minuten Fußball gesehen. Die Verkäufer, der Stadionsprecher und andere Unfassbarkeiten hatten es geschafft mich so sehr abzulenken, dass ich nicht mal weiss wieviele der Tore ich eigentlich gesehen habe. Aber es heißt hier anscheinend mit Absicht nur „Halbzeit“ und nicht „Halbzeitpause“, denn die wollte man uns allem Anschein nach nicht gönnen. Ausserdem kann man ja auch in diesen 15 Minuten wundervoll irgend einen Ramsch unters Volk bringen. So zog dann auch mal eine Karawane bewaffnet mit halb nackten Mädels an der Front, dahinter lustig verkleidete Deppen mit Werbefahnen in den Händen und zum krönenden Abschluss noch nackigere Mädels durchs Rund. Diese warfen dann neben Kugelschreibern und Tshirts, die quasi nur aus Werbung bestanden in die johlende Menge. Kleine Kinder wurden zur Seite gestoßen, damit der 60jährige sich ein minderwertiges Hemd der örtlichen Telefonversorger sichern könnte. Spätestens jetzt stand mir die Pisse in den Augen aber: Wer lacht, der hat noch Reserven! Also immer weiter: Nun liefen auf dem Platz die ersten Hupfdolen auf, die in lustigen bunten Kostümchen ein paar blöde Verrenkungen vollführten, bis auch der letzte männliche Zuschauer sabbernd die Eier kraulte. Aber wir sind hier in Mexiko, wieso kleckern wenn man auch klotzen kann? Zack runder die Mädels und die nächste Bande aufs Feld. Da durften nun ca 50 Mädels zwischen 5 und 50 zeigen wie gelenkig sie sind und den Gangnam Style vor sich hinhüpfen. Großartig, einfach großartig dieses … Fußball??
Ich war schon längst nicht mehr Herr meiner Sinne ob dieses totalen Overkills an Event, Entertainment, Krach aus den Musikboxen und und und. Das ist wie ein Autounfall, bei dem man auch nach drei Stunden noch zusehen kann, wie immer mehr Autos hinten rein krachen …
Ja, hier ist irgendwo Sarkasmus versteckt. Bitte selbst suchen.
Gerade in dem Moment wo ich dachte: Jetzt geht’s nicht mehr besser! Kam der Auftritt von einer neuen Schar von Verkäufern, welche wohl die erste Halbzeit auf der Gegengeraden verbracht hatten. Obst und Samen wurden gereicht. Und nicht das Obst wie in der ersten Hälfte – Kandiert oder mit Zucker ummantelt. Nein, in kleine Mundgerechte Stückchen geschnittene Äpfel, Mangos oder Melonen in Tüten. Kurz davor meine Welt zusammen brechen zu sehen erbarmte sich der Fettsack in der Reihe vor mir, scheinbar davon besessen jedes angebotene Stück im Hause zumindest einmal probiert zu haben. Und da passierte es: In die Tütchen kam auf das Gesunde noch die mindestens gleiche Menge Sirup. Puh das war knapp!
Da kann man noch so viel Whiskey oder Tequila verkaufen – hier stößt auch Alkohol an seine Grenzen.
Ich hab’s gerade schon mal kurz erwähnt: Der eigentliche Sinn der Verkaufsshow war offiziell ein Fußballspiel, dass hier stattfinden sollte. Hatte den Zuschauern aber scheinbar niemand erzählt. So fand sich auf der Hintertorseite ein Grüppchen von vielleicht 30 Fahnenschwenkern ein, die jedoch auch nichts weiteres taten als eben Fahnen zu schwenken. Dafür gab es zwei Gruppen, die etwas größer waren und die Trommeln als ihr Hobby auserkoren haben. Aber eben auch wieder nur dieses. Und wenn dann da jeweils so 20-30 Trommeln gegeneinander antrommeln … ja genau, sehr schön. Im unteren Teil standen dann noch so etwa 100 Jugendliche, welcher der Argentinischen Barra Mentalität nacheifern wollten. So konnte man in den (kurzen) Trommelpausen dann sogar mal nen bekanntes Lied aus südlicheren Gefilden erahnen. Zusammen mit dem wüsten Getrommel klang das ganze jedoch eher wie eine Katze, die vom Rasenmäher überfahren wird. Ich weiß, als Münsteraner sollte ich da vorsichtig sein aber man hat schon Massenpaniken gesehen bei denen der Zusammenhalt größer war als hier.
Nach 93 Minuten war dann scheinbar alles verkauft, was zu verkaufen war. Abpfiff, raus aus dem Bau und rein in die nächste Bar um mit einem Tequila die Birne wieder klar zu bekommen. Fazit: Super schönes Land, sehr nette Leute aber Fussball nie wieder! Was aber das schlimmste an dieser Erfahrung ist und was mich dann trotz meines Länderpunkttequilas nicht in den Schlaf hat kommen lassen ist die Erkenntnis, dass die Entwicklung der letzten 10-20 Jahre auch bei uns auf dem besten Weg in diese Richtung ist. Wenn der DFB und die DFL es geschafft haben über kurz oder lang die aktiven Fans aus den Stadien zu drängen dann ist es nur noch ein Katzensprung zu eben jenem Sesselpupserpublikum wie bei diesem Spiel. Möge der Tag noch etwas auf sich warten lassen, denn das wäre mit Sicherheit mein letzter in einem deutschen Fußballstadion.

Dieser Text wurde (gekürzt) in Transparent Magazin abgedruckt.

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